Opferrolle

Große Zeiten verlangen nach großen Opfern.
Anmerkungen zur politischen Kommunikation.

In vorchristlicher Zeit opferten die kleinen keltischen Königreiche Irlands regelmäßig ihre Könige. Das weiß man, weil die übel zugerichteten Körper als Moorleichen entdeckt und analysiert wurden. Nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen gaben klimabedingte Missernten den Anstoß zu den königlichen Opfern.

Große Zeiten brauchen große Opfer. Mit einem Suppenhuhn oder einem Sack Getreide ist es dann nicht getan. Das ist eine gut denkbare Erklärung, warum Angela Merkel als Opfer herhalten muss, wenn es um die große Flüchtlingsfrage geht. Māris Kučinskis würde nicht reichen. Der lettische Ministerpräsident ist im Vergleich zu Merkel ein Suppenhuhn. Außer in Lettland.

Ein Grund, warum der französische König Ludwig XVI. in der französischen Revolution hingerichtet wurde, war, dass da die revolutionshungrigen Massen in Paris ein Opfer brauchten. Als König war Ludwig längst entmachtet und festgesetzt, sachpolitisch gab es keinen Grund ihn zu köpfen. Als großes symbolisches Opfer eignete er sich aber wunderbar.

In großen Zeiten dürstet es das Volk nach Blut. Was sich glücklicherweise geändert hat: Es begnügt sich mit einer symbolischen Hinrichtung.

Reibebaum

Wenn du Bedeutung erlangen willst greif jemanden von Bedeutung an. Und wähle den Zeitpunkt gut.
Anmerkungen zur politischen Kommunikation.

Warum greifen Politikerinnen und Politiker geringer(er) Bedeutung die deutsche Bundeskanzlerin Merkel an, wenn sie öffentliche Aufmerksamkeit erlangen wollen? Das tun sie, weil sie die Grundbegriffe politischer Kommunikation kennen: Wenn Du Aufmerksamkeit erlangen willst, bring dich mit jemandem in Zusammenhang, der schon Aufmerksamkeit hat.

Besonders gut funktioniert ein Angriff, wenn er ein bisschen daneben ist. Donald Trump hat sich dafür den Papst ausgesucht, als dieser Mexiko besuchte. Hätte er den Generalsekretär des Evangelischen Weltkirchenrats angegriffen, als dieser Burundi besuchte, wäre die Kritik wohl ins Leere gegangen. Österreichs Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil hat Merkel kurz vor deren Treffen mit dem österreichischen Bundeskanzler angegriffen – und damit auch diesen in Bedrängnis gebracht. Vor einem Treffen Merkels mit Mark Rutte hätte das nicht so gut funktioniert. Mark Rutte ist nur niederländischer Ministerpräsident.

Es genügt nicht, sich am richtigen Baum zu reiben, man muss es auch zum richtigen Zeitpunkt tun.

Schaffenskrise

Ein paar sprachliche Anmerkungen zum umstrittenen Satz „Wir schaffen das.“
Anmerkungen zur politischen Kommunikation.

Wir schaffen das. Dieser Satz. Dieses Wort. Schaffen. „Wir schaffen das“ sagt man, wenn es anstrengend, herausfordernd, mühevoll ist. Wenn etwas leicht von der Hand geht, gibt es nichts zu schaffen. „Wir schaffen das“ sagt man, wenn man am Fuß der Eiger Nordwand steht oder vom Zehn-Meter-Turm ins Sprungbecken blickt.

Natürlich kann man auch sagen: „Wir schaffen das nicht.“ Dann steigt man eben wieder vom Zehn-Meter-Turm statt zu springen. Oder schaut von Grindelwald aus anderen zu, wie andere die Eiger Nordwand hinaufklettern. Das einzige was man dafür vielleicht in Kauf nehmen muss, ist ein wenig Hohn. Dafür hat man sich nicht überwinden müssen.

Das funktioniert aber nur, wenn der Schaffensdrang nicht zum Schaffenszwang wird. Steht am Sprungturm ein hungriger Tiger hinter einem, ist man eher geneigt zu springen. Wer in einem brennen Haus aufwacht, wird „wir schaffen das“ rufen und sich den Weg durch das Feuer bahnen. Wacht man im zwölften Stock auf, wenn erst der dritte brennt, kann man auch warten und darauf hoffen, dass die Feuerwehr rechtzeitig eintrifft. Wenn die das nicht schafft, hätte man sich wohl gewünscht, früher mehr an die eigene Schaffenskraft geglaubt zu haben.

Österreicher sind (fast) Nachrichten-Weltmeister

 

Bei der Informationsbeschaffung nützen die Menschen in Österreich gerne mehrere Kanäle. Lieber tun es nur die Menschen in der Türkei.

Reden wir die Österreicherinnen und Österreicher nicht schlechter als sie es verdienen. Zum Beispiel: Sie informieren sich mehr als Bürgerinnen und Bürger anderer Länder über „News“, sagt der Reuters Institute Digital News Report 2016. Dafür wurden Menschen in 26 Ländern befragt, im Wesentlichen den OECD-Staaten.

Eine wirklich gute Nachricht für österreichische Zeitungsunternehmen ist, dass in Österreich 67 Prozent Nachrichten aus Printmedien beziehen. Das ist der bei weitem höchste Wert aller beteiligten Länder, dem nur die Schweiz mit 63 Prozent nahe kommt. Zum Vergleich: In Deutschland sind es nur 38 Prozent und in den skandinavischen Demokratien zwischen 29 (Dänemark) und 53 Prozent (Finnland).

In den anderen Kategorien, TV (76), Radio (46) und Online (73 Prozent) schlägt sich Österreich zwar nicht herausragend, aber durchaus gut. Zu einem überraschenden Ergebnis kommt man aber, wenn man die Quersumme der Prozentsätze bildet. Da hängt Österreich alle Länder ab, bis auf eines: die Türkei. Man kann also sagen: Die Türkei und Österreich sind die Länder, in denen sich die Menschen am intensivsten über mehrere Medienkanäle Nachrichten holen. Der Schluss, dass in diesen beiden Ländern nutzerseitig der größte Medienpluralismus herrscht, wäre natürlich ein wenig vorschnell. Es wird wohl Türken geben, die nur AKP-Medien konsumieren und über die TV. Radio, Print und Online mehr oder minder gleichgeschaltete Informationen beziehen.

Medienpluralismus – das bedeutet, nicht nur Informationen zu beziehen, die die eigene, vorgefasste Meinung bestätigen, sondern sich auch mit Nachrichten zu konfrontieren, die eventuell Zweifel am eigenen (Vor-)Urteil kommen lassen. Wie es um den steht, kann man beurteilen, wenn man sich anschaut, wie viele Menschen mehrere Tageszeitungen lesen.

Als ich das herausfinden wollte, musste ich erstaunlicherweise feststellen, dass diese Daten nicht einfach aus dem Netz zu holen sind. Mit ein wenig Hartnäckigkeit ist es dann aber doch gelungen. Demnach liest (Daten aus der Mediaanalyse 2015) ein Viertel der Österreicherinnen und Österreicher mehr als eine Tageszeitung. Am meisten sind es in Wien, nämlich 34,5 Prozent. Das mag am größeren Angebot liegen, vielleicht aber auch daran, dass es dort die meisten professionellen Zeitungsleserinnen und -leser gibt.

Ob 24 Prozent Mehr-als-eine-Tageszeitung-Leser viel oder wenig ist? Es gibt jedenfalls mehr Nicht-Tageszeitungs-Leser. Jeder Dritte in Österreich verzichtet auf den Zeitungskonsum (was im Vergleich zu anderen Industrieländern in Europa, Amerika und Asien ein geringer Wert ist, wie wir aus dem Reuters Report wissen.

Die meisten Mehr-als-eine-Tageszeitung-Leser in Österreich gibt es unter den 60- bis 69jährigen (fast 33 Prozent). Klar, die haben am meisten Zeit, Mit dem 70sten Lebensjahr sinkt die Zahl der Vielleser wieder, eventuell weil sie schon schlechter sehen. In beiden Gruppen ist die Zahl der Nichtleser aber am geringsten (17 bzw. 18,2 Prozent) Von den 14- bis 29jährigen liest dagegen mehr als Hälfte keine Zeitung. Aber immerhin ein Fünftel der 14- bis 19jährigen und rund ein Sechstel der 20- bis 29jährigen lesen mehr als eine Tageszeitung.

Fazit: Österreicherinnen und Österreicher sind im internationalen Vergleich Informations-Junkies. Pluralistisches Mediennutzungsverhalten ist in Österreich nichts Exotisches. Und Förderung einer solchen Intensivnutzung, sollte ein demokratiepolitisches Anliegen sein. Vielleicht sollte man ein umgekehrtes (Grazer) Hundeabgabe-Modell in Erwägung ziehen – ab der zweiten Zeitung wird es günstiger. Flatrate-Abos dieser Art gibt es privatwirtschaftlich organisiert bereits. In Österreich machen die Styria-Medien Kleine Zeitung, Die Presse und WirtschaftsBlatt, mit dem STANDARD gemeinsame Sache. Bestehende Abonnenten einer dieser Zeitungen zahlen für das Vier-Zeitungs-E-Paper-Abo übrigens nur ein Drittel von Nichtabonnenten. In anderen Ländern gibt es ähnliche Modelle.

Ob Reuters diese E-Paper-Nutzer den Print- oder Online-News-Beziehern zurechnet, ist eine andere Frage. Aber eine zweitrangige.

 

 

Ich danke Kleine Zeitung-Geschäftsführer Thomas Spann und dem Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) für die Unterstützung bzw. die österreichischen Daten.

Die Brexit-Satire

Ich hätte da einen Plot für eine leider ziemlich unglaubwürdige Politik-Satire, viel unrealistischer als „The House of Cards“ und „House of Cards“ Deswegen werden sie BBC und Netflix wohl auch nicht nehmen.

Die Geschichte geht so:

Ein Prime Minister des Vereinigten Königreichs, nennen wir ihn David Cameron, hat Probleme in seiner Partei und beschließt einen spektakulären Befreiungsschlag: nicht gerade einen Krieg, aber doch ein Referendum über die Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union. Das klingt nach großem Theater, weil es das Vereinigte Königreich und die EU in ihren Grundfesten erschüttern könnte. Aber es ist nur Theater: Denn niemals würden die Bürgerinnen und Bürger des weltoffenen Großbritanniens, des Landes, in dem Menschen aus 53 Commonwealth-Mitgliedsländern viele Jahre willkommen waren und Aufenthaltsrechte beanspruchen können, aus der EU austreten wollen. Dazu kommt, dass in Großbritannien billige Landarbeiter aus den osteuropäischen Ländern, Asien und Afrika schon lange hochwillkommen sind.

Es wird aber noch absurder: Ein Journalist, Buchautor, Schattenminister und ehemaliger Londoner Bürgermeister, der in Brüssel zur Schule gegangen ist und EU-Korrespondent des Daily Telegraph war, ihn nennen wir Alexander Boris de Pfeffel Johnson, damit es ein bisschen lustiger wird, stellt sich an die Spitze der Austrittsbewegung. Und die Kampagne läuft gut. Leider nicht gut genug, bis zur Schließung der Abstimmungslokale ist ziemlich sicher, dass die Brexit-Bewegung verlieren wird.

Ein britischer Rechtsaußen-Politiker, dem wir den Namen William Oliver Healey (heal wie heilen, Sie verstehen den Witz) geben, errichtet deswegen vorsorglich eine Petitions-Seite auf dem Portal des britischen Parlaments und der Regierung, um eine Wiederholung der Abstimmung zu erreichen, wenn die Beteiligung unter 75 Prozent und die Mehrheit für eine der beiden Entscheidungsmöglichkeiten unter 60 Prozent liegt. Die Seite findet jetzt gewaltiges Interesse, aber von den Brexit-Gegnern. Nach ein paar Tagen haben schon mehr als 4 Millionen unterschrieben. Als kleine Nebengeschichte wird die von den rund 80.000 falschen Unterstützungserklärungen erzählt. Bei 4 Millionen ist das zwar nicht viel, bringt aber doch ein wenig Pfeffer hinein.

Aber: Die Bürgerinnen und Bürger des Vereinigten Königreichs entscheiden sich für den Brexit. Der Prime Minister kündigt seinen Rücktritt an. Europa wankt, das Vereinigte Königreich ächzt, Schottland und Nordirland erwägen den Austritt. London stöhnt, viele verfluchen den ehemaligen Bürgermeister und natürlich auch den Prime Minister, der ihnen das alles eingebrockt hat.

Zum Drüberstreuen besiegt ein Kleinstaat, Island wäre die Idee, England bei der Fußball-EM. Die Demütigung ist perfekt.

Wie kann die Geschichte weitergehen? Darüber denke ich noch nach. Aber wahrscheinlich wird es gar keine Fortsetzung geben, weil sich ja sowieso niemand für eine dermaßen an den Haaren herbeigezogene Geschichte interessieren kann …

Lugner tritt nicht an 4 (Ende)

Eine wahrhaft unwahre Geschichte in vier Kapiteln

  1. Auge zu

„Sie machen das Umfrageprojekt“, bestimmte die Geschäftsführerin des Meinungsforschungsinstituts. „In fünf Tagen brauchen wir ein präsentables Ergebnis, der Termin steht schon.“ Der Meinungsforscher schaut konsterniert: „1.000 Befragte, repräsentativ für Österreich, das ist in der Zeit nicht zu schaffen …“, wendet er ein. Die Geschäftsführerin schaut jetzt streng: „Wir haben genug Probanden mit Telefonnummern in unserer Datenbank, das darf kein Problem sein.“ „Aber …“, hebt der Meinungsforscher an. Dass das Anzapfen der immer selben Probanden zu einer Verzerrung führen wird, sagt er nicht mehr. Denn jetzt schaut die Geschäftsführerin wirklich streng. Wenn er beim Sample ein Auge zudrückt, die Reihenfolge der Fragen nicht durchmischt und auch sonst ein paar Dinge vereinfacht, wird er den Termin halten können. Er macht sich ans Werk.

(ENDE)

Aus die Maus

Was ich nicht weiß …

Ein Ei gleicht dem anderen

Lugner tritt nicht an 3

Eine wahrhaft unwahre Geschichte in vier Kapiteln

  1. Ein Ei gleicht dem anderen

„Ich will eine ehrliche, korrekte Umfrage, die hundertprozentig stimmt“, sagt der Auftraggeber. Der Meinungsforscher hört ihm aufmerksam zu und sagt nicht, dass es eine Umfrage, die hundertprozentig sicher stimmt … ist ja auch egal. Er mag seinen Auftraggeber, auch wenn der mit Fachausdrücken – Objektivität, Validität, Reliabilität, Signifikanz, Konfidenzintervall, Schwankungsbreite … – um sich wirft, ohne offenbar genau zu wissen, was sie bedeuten. Er hat ihm auch schon gesagt, was er zahlen kann. Viel ist es nicht, weil ja auch Inserate zu bezahlen sind, Mailings und Plakate. Im Kopf hat der Meinungsforscher schon gerechnet. Wenn er aus dem Fundus der bewährten, befragungswilligen Probanden schöpft, geht sich das schon aus. Das macht zwar die Ergebnisse schlechter, aber die anderen machen es auch so. Dann muss man noch ein bisschen hochrechnen, dann wird es schon halbwegs stimmen. Und für den Preis, den ein Käfig-Ei kostet, bekommt man eben kein Freiland-Ei erster Güte. Außerdem: Die wirkliche Wahrheit will der Kandidat vielleicht gar nicht wissen.

Aus die Maus

Was ich nicht weiß …

Auge zu

Lugner tritt nicht an 2

Eine wahrhaft unwahre Geschichte in vier Kapiteln

  1. Was ich nicht weiß …

„Wir haben eine Umfrage“, kündigt der Chefredakteur an, „für übermorgen“. Er lächelt: „Hat einen Pappenstiehl gekostet und wird total einschlagen.“ Die junge Redakteurin mit dem abgeschlossenen Psychologiestudium meldet sich zu Wort: „Wenn die Umfrage so wenig kostet, heißt das wahrscheinlich, dass keine saubere Stichprobe gezogen wurde, dass zu wenig Leute befragt wurden, dass möglicherweise die Umfragetechnik insgesamt fragwürdig ist. Damit wollen wir titeln? Das könnte unserem Ruf schaden.“

Der Chefredakteur schaut sie mitleidig an: „Für die Qualität steht der Name des Instituts und außerdem veröffentlichen andere Medien ähnliche Ergebnisse. Wenn sie falsch sind, haben wir am Wahltag die Geschichte vom völlig überraschenden Ergebnis und dann noch die über die gescheiterten Meinungsforscher. Die Umfrage wird uns nicht schaden, sie wird uns nützen.“

Die Redakteurin schweigt. Sie hat etwas gelernt, das an Universitäten nicht gelehrt wird.

Aus die Maus

Ein Ei gleicht dem anderen

Auge zu

Lugner tritt nicht an 1

Eine wahrhaft unwahre Geschichte in vier Kapiteln

  1. Aus die Maus

Nach dem Frühstück mit seiner lieben Frau entschied sich der Baumeister. Er will antreten, aber als kluger Unternehmer vorweg seinen Erfolgschancen ausloten. Dazu trifft er sich mit einem renommierten Berater. „Das machen wir mit einer sauberen Umfrage“, schlägt der vor, „das wird Sie aber einiges kosten, wenn sie wirklich eine Entscheidungsgrundlage sein soll“, warnt er. Lugner nickt. „Gut“, sagt der Berater, „in zwei Wochen haben wir das Ergebnis.“

Zwei Wochen später sitzen die beiden wieder zusammen, der erfolgreiche Berater schüttelt den Kopf: „Viel mehr als zwei Prozent sind nicht drinnen, vergessen Sie es. Sie verbrennen nur Geld für den Wahlkampf“, sagt er mit fester Stimme. Den verlorenen Beratungsauftrag, die Provisionen für die Inserate und all das Geld, das jetzt nicht in Events, Grafik, Plakate … fließen wird, nimmt er als Profi hin – such is life.

Der Baumeister nickt wieder, wie beim ersten Gespräch. Wenn ihn die Menschen nicht wollen …

Was ich nicht weiß …

Ein Ei gleicht dem anderen

Auge zu

Der erregte Rand und die verzagte Mitte

Das Geschäftsmodell der Medien, der Politik-, Kommunikations- und sonstigen Berater ist die Erregung. Erregt werden wir durch das Unerwartete. Das kann ein österreichischer Fußballsieg gegen Deutschland sein, ein falsch prognostiziertes Wahlergebnis, eine Flutkatastrophe oder eine nicht mehr erhoffteRettung in letzter Sekunde. “Only news is news” – ob “bad” oder “good” spielt keine Rolle.

Menschen wollen das Unerwartete nicht. Sie wünschen sich Kontinuität und Verlässlichkeit. Aber wenn das Unerwartete doch geschieht, wollen sie Erklärung und Beistand. So  einfach ist das. So einfach ist das nicht.

Erklärungen sind nicht einfach. Nur: Komplizierte Erklärungen sind einfach schlecht zu verkaufen. Ratlosigkeit der Experten ist Selbstbeschädigung. Keiner kann Experten brauchen, die keine Erklärungen wissen und keine kompakte Lösung haben.

Der Ausgang der österreichischen Bundespräsidentschaftswahlen am 22. April 2016 ist ein schönes Beispiel. Die Meinungsforschung (und deren Auftraggeber) hatten das Glück, ihn nicht vorhersagen zu können, sonst wäre er nicht so erregend. Sonst entspräche er nicht so gut dem Geschäftsmodell.

Man könnte ihn auch relativieren.

Schon 1999 unter Jörg Haider haben die Freiheitlichen an die 27 Prozent erreicht, lange bevor Flüchtlinge ein (großes) Thema waren. Das aktuelle Ergebnis ist damit immer noch auffällig genug, aber es bleibt Ausdruck einer linearen, keiner exponentiellen Veränderung. Der Erfolg vorwiegend rechter, fallweise auch linker Erlöser-Parteien ist kein österreichisches Spezifikum. Das widerspricht zwar nicht der These, dass die hiesigen Regierungsparteien Mitverantwortung für diese Entwicklung tragen, nimmt ihnen aber die einzigartige Inferiorität.

Das Gefühl der Kontinuität ist über lange Zeit schon brüchig. Die Arbeitswelt verändert sich, die Wirtschaftswelt, die Medienwelt verändert sich, die Welt verändert sich. Der gesellschaftliche Konsens erodiert, da sind Außenfeinde immer hilfreich. Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009, die aktuelle Flüchtlingskrise sind Ereignisse, die die große Mehrheit in Österreich nicht unmittelbar getroffen haben, aber sie haben als Menetekel die diffuse Angst verstärkt, bestätigen sie.

In Zeiten der Angst zieht man gern die Zugbrücken hoch. Gegen das Freihandelsabkommen TTIP gibt es weltweit Widerstand, die Zeitung DIE WELT hat kürzlich sehr schön herausgearbeitet, dass ein deutscher Biobauer und eine US-amerikanische Anwältin und Lobbyistin die nahezu gleichen Argumente haben. Globaler Protest gegen weltweiten Freihandel ist eine ebenso schöne Ironie wie die Forderung, hierzulande nur heimische Lebensmittel zu kaufen und gleichzeitig darüber zu klagen, dass andernorts der Trend zu regionalen Lebensmitteln den Marktzugang erschwert.

Vernünftig, im Sinne von rational, muss das nicht sein. Im Buch „Why Nations Fail: The Origins of Power, Prosperity and Poverty” argumentieren Daron Acemoglu und James Robinson, dass es wohl nicht schicksalhafte Katastrophen sondern unzulängliche, gespaltene und misstrauende Gesellschaften sind, die für den Niedergang sorgen.

Vernünftig, im Sinne von Trost spendend – zumindest vorübergehend, ist der Rückzug auf den engsten Raum im Wort- und im übertragenen Sinn aber dennoch. Er funktioniert wie Alkohol.

Wie hat der Soziologe Gerhard Schulze gesagt? „Genetisch sind wir als Krisenwesen angelegt, nicht aber als Erkenntnistheoretiker.“

Eine selbstbewusste, zur Skepsis und Differenzierung fähige Zivilgesellschaft, die nicht abseits der politischen Parteien und der Medien steht, sondern diese zum eigenen Nutzen formt, sich aber auch selbst in die Verantwortung nimmt, wenn das misslingt, ist robust genug, um den kontinuierlichen, aber nur bisweilen spürbaren Transformationsprozess nicht zu erleiden, sondern zu gestalten. Sie tritt auf, statt sich an den Rand gedrängt zu fühlen, zu verzagen und zu klagen, dass die Ränder die Mitte übernommen haben. Wenn sie das nicht tut, hat sie sich selbst an den Rand gestellt.